Sonntag, 25. Oktober 2015

Stuhl der Liebe



Wir hatten vor einiger Zeit eine kollegiumsinterne Fortbildung zum Thema „Konfrontative Pädagogik“. Die Referentin stellte dabei auch den Stuhl der Liebe vor. 



Wenn bspw. im Stuhlkreis ein Schüler durch „kreative Verhaltensweisen“ auffällt, folgt in der Hasenklasse in der Regel eine Ermahnung, bei einer weiteren Störung muss der Schüler außerhalb des Stuhlkreises sitzen. Ändert sich sein störendes Verhalten dann immer noch nicht,  muss er vor die Tür und mithilfe eines Reflektionsbogens („Trainingsraum light“) sein Verhalten reflektieren (was in der Hasenklasse eigentlich nie vorkommt). Diese „typischen“ Konsequenzmaßnahmen gibt es sicherlich an vielen Schulen. 


Der Stuhl der Liebe ermöglicht es, anders auf Störungen zu reagieren. Wenn man davon ausgeht, dass störende Schüler Aufmerksamkeit suchen, dann bekommen sie hier das Gesuchte.


Bei Störungen darf der betreffende Schüler direkt neben dem Lehrer auf dem Stuhl der Liebe sitzen. Ich schenke ihm dann viel Aufmerksamkeit und „all meine Liebe“. Das ist vor allem den Jungs sehr unangenehm. Gleichzeitig ist es auch für alle Beteiligten lustig und entschärft Konfliktsituationen. 


Mir ist bewusst, dass diese Form der konfrontativen Pädagogik nicht in jeder Klasse und auch nicht bei jeder Störung funktioniert. Es gibt sicherlich Schüler, die sich auf keinen Fall auf diesen Stuhl setzten werden. Im Stuhlkreis der Hasenklasse klappt es aber wunderbar.

Bevor mich alle für einen herzlosen Lehrer halten, der seine Schüler mit Liebe bestraft: Meine Dritt- und Viertklässler sind 9 -12 Jahre alt, die verstehen sehr gut die Ironie, die dahinter steckt. Es ist klar, dass man solch einen Stuhl nicht in der ersten Klasse anwenden sollte ;-) 


Das Plakat für den Stuhl der Liebe habe ich bewusst bunt und kitschig gestaltet, damit es schön "abschreckend" wirkt. Kein Schüler möchte freiwillig auf diesem Stuhl sitzen. Manchmal setzen sich Praktikanten auf den leeren Stuhl, was die Schüler immer sehr lustig finden. 





Die Idee zum Stuhl der Liebe stammt von Simone Kriebs. Ich mache eigentlich keine Werbung im Hasenklassen-Blog, aber die Fortbildung von Frau Kiebs und ihrem Wita-Institut (Sitz in Ruhrgebiet) war einfach toll und sehr bereichernd.
 


Hier gibt es das Plakat in verschiedenen Variationen und Größen (für Gegner von bunten Materialien gibt es auch eine Version in schwarz-weiß , ich finde allerdings, das dieses Schild bunt sein muss:))








Kommentare:

  1. Liebe und Aufmerksamkeit als Strafe?? Ich bin ein wenig verwundert über diese Konnotation in der Art der Konsequenz. Vor allem, weil Liebe dadurch zu etwas, was einem peinlich sein muss, degradiert wird. Also entweder schenke ich dem Schüler meine ehrliche Nähe und Aufmerksamkeit oder ich lasse es. Ich finde diese Methode mehr als fragwürdig!

    Beste Grüße, Katharina

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    1. Liebe Katharina, danke für Deinen Kommentar. Die übliche Konsequenz bei Störungen im Stuhlkreis ist der Ausschluss. Beim Stuhl der Liebe wird die Konsequenz umgekehrt. Der Schüler bekommt die Aufmerksamkeit die er verlangt, allerdings konfrontativ und gänzlich anders, als zunächst erwartet. Der Stuhl der Liebe ist auch keine Strafe, sondern ein pädagogisches Handeln
      Die „Liebe“, Nähe und Aufmerksamkeit, die Du dem Schüler schenken möchtest und die Du treffend beschreibst, steht doch in einem ganz anderen Kontext. Hier wird eine, zugegebenermaßen ironische Handlungsalternative bei Unterrichtstörungen beschrieben, die bei MIR wunderbar funktioniert. Alle in der Klasse verstehen diese Ironie. Dies beeinträchtigt die Beziehung zu meinen Schülern in keiner Weise. Sie wird im Gegensatz gestärkt.

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    2. Hallo,
      danke für die schnelle Antwort.
      Vielleicht sehe ich das einfach durch die Brille der Erstklasslehrerin, bei der es das erklärte Ziel der Kinder ist, neben mir sitzen zu dürfen ;-) Deshalb würde der "Stuhl der Liebe" wohl eher zu weiteren Störungen animieren. Ab Klasse zwei, drei kommt der ironische Unterton sicher eher bei den Kindern an. :)

      Beste Grüße, Katharina

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    3. Da hast Du sicherlich recht. In einer ersten Klasse würde ich den Stuhl der Liebe nicht anwenden. Meine Dritt- und Viertklässler sind in der Regel 9-12 Jahre alt, die verstehen sehr gut die Ironie, die dahinter steckt.
      Viele Grüße und danke für Deinen Kommentar
      Jörg

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  2. Ganz ehrlich. Aus pädagogischen Gründen würde ich niemals diesen Stuhl einsetzen. Den finde ich äußerst fragwürdig. Wer wird schon gerne veräppelt? Als Sozialpädagogin bin ich als Seiteneinsteigerin seit 6 Jahren in einer Grundschule tätig und bin äußerst dankbar für mein Studium. Die Devise sollte meiner Meinung nach sein: Erwünschtes Verhalten belohnen, das andere ignorieren.

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    1. Liebe dmkurs, danke für Deinen Beitrag. "Erwünschtes Verhalten belohnen, das andere ignorieren" ist ein - wie soll ich sagen - interessanter pädagogischer Ansatz. Ich zitiere in diesem Zusammenhang gerne Reiner Gall: „Benehmen, das du ignorierst ist Benehmen, das du erlaubst.“ Vielleicht ist das ja ein Denkanstoß für Dich. In diesem Zusammenhang kann ich auch sehr das Buch von Reiner Gall "Konfrontative Pädagogik in der Schule" und von Sabine Czery "Was wir unseren Kindern in der Schule antun und wie wir das ändern können" empfehlen.
      Liebe Grüße
      Jörg

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    2. Hi dmkurs,
      ich habe oft unerwünschtes Verhalten von meinen Kindern, dass ich nicht ignorieren kann, weil es die anderen Kinder beim Lernen stört. Es ist eine Frage der Haltung, wie auf so etwas reagiert wird. Ich denke, ein Richtig und ein Falsch gibt es nicht so scharf, weil die Klassen unterschiedlich sind.
      Ist doch gut, wenn es beim Jörg funktioniert und er es mit uns teilt.Ich habe diese Methode mit einem bestimmten SuS auch schon angewandt, allderdings nicht so explizit vorgezeigt. Es kann wirklich funktionieren.
      Liebe Grüsse
      Steffi

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    3. Liebe Steffi, danke für Deinen konstruktiven Beitrag! Liebe Grüße Jörg

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  3. Hallo Jörg,
    danke für dieses interessante Beispiel konfrontativer Pädagogik, das ich so noch nicht kannte. Ich kann mir vorstellen, dass es, so wie du es beschreibst, in deiner Klasse funktioniert und auch für gemeinsame Erheiterung sorgt. Ironie zu verstehen und auch ertragen zu können finde ich eine eine hohe Kunst und schätze ich bei meinen höheren Klassen sehr. Denn es ist schwer für die Kinder zu ertragen, dass man selber in solcher Form im Mittelpunkt steht. Die Fähigkeit, über sich selber lachen zu können, macht so viele Situationen im Leben erträglicher und entspannter. Ich denke, viel hängt von der persönlichen Beziehung zwischen Klassenlehrer und Klasse ab. Ihr als "eingegroovtes" Team werdet den Stuhl sicher genau richtig einzusetzen und zu verstehen wissen.
    Dennoch käme ein solches pädagogisches Werkzeug bei mir nicht zur Anwendung. Einerseits, weil ich Liebe und Aufmerksamkeit als positive (und leider nicht selbstverständliche) Werte niemals in einen ironischen Kontext stellen würde und andererseits, weil ich Störungen generell weniger Aufmerksamkeit entgegensetze. Mein Ziel ab dem ersten Schultag ist, Unterrichtsstörungen so wenig Raum zu geben, dass sie irgendwann für die einzelnen "Störenfriede" unattraktiv werden und ausbleiben. Im Gegenzug erwarte ich von den Mitschülern, dass sie normale Störungen übergehen und nicht beachten, sodass der Nährboden / die Bühne für solches Verhalten fehlt.
    Deinen Beitrag werde ich jetzt zum Anlass nehmen, mich etwas schlauer zu lesen, was das Konzept der Konfrontativen Pädagogik anbelangt. Danke für den Gedankenanstoß! :-)

    Herzliche Grüße
    Frau Weh

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    1. Liebe Frau Weh, danke für Deinen Kommentar. Die Hasenklasse ist sehr familiär, sie besteht zurzeit aus 11 Schülern in drei Jahrgängen. Richtige Unterrichtsstörungen und Konflikte kommen nur höchst selten vor. Einzige Störung im Stuhlkreis ist in der Regel, dass einige Schüler miteinander gebärdensprachlich quatschen, anstatt aufzupassen.
      Das Nichtbeachten von Störungen finde ich persönlich nicht den richtigen Weg, damit umzugehen (s.o.), es kommt aber sicherlich auch auf die Störung an.
      Zwei Buchtipps habe ich oben bereits gegeben, ich fand auch "Wenn Nervensägen an unseren Nerven sägen" von Rode und Meis sehr gut und empfehlenswert.
      Liebe Grüße Jörg

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    2. "Bei schlechten Noten helfen gute Eltern" von Christoph Eichhorn ist auch sehr lesenswert - habe ich vergessen :-)

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